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A self-made man |
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Bahnfahrt ohne Sinn(e)Posted at 10:21 on 2.11.2005
Der harte Dreiklang des Zuges durchbricht die Stille. Langsam setzt sich Wagen für Wagen in Bewegung, und der Blick fällt aus dem Fenster. Bevor man stirbt, so sagt man, zieht das Leben wie in einen Film an einem vorbei. Genauso zieht die Stadt an ihm vorbei. Bewegungslos starrt der junge Mann aus dem Fenster, seine Augen auf einen entfernten Punkt fixiert. Er sagt nichts, er scheint nichts zu hören. „Guten Tag, liebe Fahrgäste“, beginnt die Ansage des Schaffners. Ein jeder lächelt insgeheim über den ungewohnten schwäbischen Akzent. Fast jeder – bis auf den jungen Mann, der still verharrt. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, weder durch das schreiende Kind gegenüber, noch durch das monotone Rattern der Gleise oder durch die bierselig-lauten Fußballfans. Er blickt auf die Stadt. Haus für Haus zieht vorbei, immer schneller. Er scheint so, als würde ihm jedes Gebäude, jede Fassade, etwas zuflüstern wollen. „Bleib hier!“ Die Stimmen überlagern sich, sie ähneln einem Kanon. „Bleib hier! Bleib hier!“ Fast wie ein heiliger Choral scheinen sie alle dasselbe zu sagen. Doch der junge Mann bleibt regungslos sitzen. Er hört nichts, er fühlt nichts. Schnee liegt auf den Dächern der Hochhäuser. Die Sonne glitzert und wirft fragile Muster aus Licht und Schatten auf den vorbeifahrenden Zug. Die Fahrgäste wenden sich ab, sie sind geblendet. Der junge Mann bewegt sich nicht, sein Blick ist stur geradeaus gerichtet. Er sieht die Muster, die den Zug erleuchten. Die Sonne steht tief und veranstaltet ihr neckiges Schauspiel mit Helligkeit und Dunkelheit. Durch eine Häuserfassade wie durch ein Mosaik gebrochen, zeichnet sie kleine Dreiecke auf den Sitz des jungen Mannes. Die Formen verschmelzen, lösen sich auf, entstehen wieder. Ein kleines Dreieck sieht fast aus wie ein Herz. Doch der junge Mann sieht es nicht. Der Zug beschleunigt. Die Schienen sind vereist, die Waggons rütteln und wackeln. Der Wind zerrt an der Oberleitung und lässt sie schwanken wie ein kleines Kind, das noch unsicher die ersten Schritte tut. Der lockere Schnee wird durch die Verwirbelungen des Windes durch die Luft getrieben. Wie Tänzer auf dem Parkett rauschen die Flocken gen Boden. Der Zug wird durchgeschüttelt, die Becher im Kaffeeautomaten klirren im Fall. Der Schaffner verliert sein Etui mit den Fahrkarten, es fällt zu Boden. Die Turbulenzen gleichen einem Flugzeug im Jetstream. Die Fahrgäste sichern ihr Gepäck, damit es nicht zu Bruch geht. Hier der Geschäftsmann, der seine Mappe festhält, dort der Soldat in Uniform, der seinen Seesack sichert. Nur der junge Mann verharrt. Er wird in seinem Sitz geschüttelt, er wippt auf und ab. Doch er bleibt sitzen. Seine Tasche tanzt im Gepäckfach, es scheint ihn nicht zu kümmern. Der Geruch von frischem Kaffee dringt in die Nasen. Die Maschine blubbert und versprüht über das süßliche Aroma des Cappucinos das Flair eines italienischen Straßencafés. Ein Halt mitten auf dem Lande – die Türen schweben zur Seite, und der Zug saugt die Menschen ein. Mit ihnen kommen tausend neue Gerüche, die sie im Vorbeigehen wie eine Visitenkarte präsentieren. Der Heimwerker in Latzhose, der eine Mischung aus Schweiß und Aftershave versprüht, die feine Dame – adlig vielleicht, standesgemäß mit Hund -, die einen edlen schweren Duft hinterläßt, die junge Frau, die früher bestimmt Schützenkönigin oder zumindest Dorfschwarm war und die Luft parfumiert, daß jeder im Abteil es bemerkt. Die Gerüche vermischen sich zu einem Cocktail der Gegensätze, jung und alt, leicht und schwer, langsam und schnell. Jeder sieht mit seiner Nase. Der junge Mann sitzt direkt am Gang. Durch sein Gesicht streift bei jedem Luftzug der Duft des Vorbeieilenden. Er könnte sich abwenden, er könnte es genießen, er könnte angewidert den Kopf drehen, er könnte mehr davon einsaugen – doch er verbleibt stumm und reglos. Seine Organe nehmen die Gerüche auf, doch sie erreichen ihn nicht. Der Geschäftsmann trinkt Tee. Das süße Aroma der Vanille zergeht auf seiner Zunge. Der Schaffner kaut auf einem geschlagenen rohen Ei mit Oleandersauce. Er schmeckt bei jedem Schlucken die Kraft, die ihm diese kleine Stärkung während der Arbeitszeit gibt. Ein Punk raucht. Niemanden stört es in diesem Nichtraucherzug. Der Tabak lodert und fliegt durch das Abteil. Der Geschäftsmann schmeckt in dem Rauch einen Hauch von Kuba, Abenteuer und Freiheit. Die Adlige ist angewidert, sie hasst neben Normalsterblichen das Rauchen. Der ordinäre Geschmack eines billigen Glimmstengels lässt sich erschaudern. Mittlerweile hat der Punk den Platz gewechselt und sitzt nun direkt hinter dem jungen Mann. Er inhaliert tief und bläst den Raucht weit heraus. Das Fenster ist offen, kalte Luft zieht hinein. Der junge Mann sitzt nun in einer Wolke aus abgestandenem, kalten Rauch. Bei jedem Atemzug fühlen die Geschmacksnerven auf seiner Zunge diesen Rauch. Er rührt sich nicht. Die Finger des Geschäftsmannes trommeln auf dem Tisch. Ungeduld liegt ihm im Blut, seine Füße scharren auf dem Boden. Minütlich bewegt sich sein Arm, er schaut auf die Uhr. Er blinzelt nervös. Der Punk nestelt an seinem Rucksack. Er sucht hastig neue Zigaretten. Mit einem Rumpeln fährt der Zug in einen Tunnel. Die Adlige verkrampft sich, beginnt nervös zu zittern. Sie leider unter Klaustrophobie, kann nicht ruhig sitzen. Der Dorfschwarm ist sauer, gerade ist durch die Einfahrt in das dunkle Loch der Handy-Empfang abgerissen. Ihre Finger flitzen über die Tasten, um eine Kurznachricht zu schreiben. Das Kleinkind zappelt und klammert sich an der Sitzlehne fest. Alles bewegt sich. Der junge Mann wird von der Bewegung geradezu mitgerissen. Doch er bleibt ruhig und still sitzen und starrt aus dem Fenster. Die Sonne lässt sich wieder blicken und heizt den Waggon auf. Der Geschäftsmann schwitzt unter seiner engen Krawatte. Der Schweiß rinnt von seinen Backen, er wischt ihn ab. Es scheint, als würde der junge Mann nichts hören, nichts sehen, nichts fühlen. Er rührt sich nicht, nichts kann ihn erschüttern. Was ist mit ihm los? * „Entschuldigung“, fragt eine zaghafte Stimme in Richtung des jungen Mannes, „würden Sie mir eine Frage beantworten?“ Der junge Mann reagiert nicht. Genausowenig wie auf die Geräusche, die Lichtspiele, die Bewegungen, die Gerüche, Geschmäcker oder gar die bezaubernden Naturschauspiele, die nur einen Steinwurf weit entfernt stattfinden. Der alltägliche Lauf der Welt interessiert ihn nicht. Die Welt dreht sich, ohne sich für ihn zu drehen. Er sieht nicht einmal hin. „Entschuldigen Sie bitte“, die Stimme wirkt diesmal noch kindlicher, „ich möchte Sie nicht stören. Aber, bitte, könnten Sie mir sagen, weshalb Sie so seltsam sind?“ Da war es – fast hätte man denken können, der junge Mann hätte die Lippen bewegt. Als habe er etwas sagen wollen, wäre aber dann sofort wieder in seine Teilnahmslosigkeit verfallen. „Entschuldigung, ich wollte nicht stören“, sagt die Stimme enttäuscht und scheint sich langsam abzuwenden. Der junge Mann dreht langsam den Kopf und sieht einen kleinen Jungen, der ihn mit großen fragenden Augen ansieht. Er wirkt fast etwas ängstlich. „Weil es so schön ist. Ich sehe die ganze Zeit aus dem Fenster und beobachte. Aber das Schönste entfernt sich gerade mit rasender Geschwindigkeit“. „Was ist das Schönste?“ „Das Schönste ist für jeden etwas anderes. Für den Geschäftsmann ist es das Schönste, wenn er einen erfolgreichen Vertrag schließt. Der Handwerker freut sich, wenn er mit der Arbeit fertig ist und auf der Bahnfahrt nach Hause genüsslich sein Bier trinken kann. Die Dorfschönheit dort drüben“, sagt er und deutet in Richtung der sich schminkenden jungen Dame, „findet es das Schönste, neidische Blicke einzufangen.“ „Und was ist für Sie das Schönste?“ * Der Anfang und ichPosted at 10:19 on 2.11.2005
Laßt mich kurz beginnen: Ich habe einen normalen Beruf, führe ein normales Leben, und mir passieren normale Dinge. Das war gelogen. Über alles Spannende, Aufregende, aber auch scheinbar Normales möchte ich in diesem Blog berichten. Kurzgeschichten, Essays - alles... Viel Spaß. |
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